D. Asheri u.a.: A Commentary on Herodotus Books I-IV

Cover
Titel
A Commentary on Herodotus Books I-IV. Edited by Oswyn Murray and Alfonso Moreno


Autor(en)
Asheri, David; Lloyd, Alan; Corcella, Aldo
Erschienen
Anzahl Seiten
LVI, 721 S.
Preis
£ 135.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Schubert, Universität Leipzig

Die derzeitigen Publikationen zu Herodot dürfen angesichts ihrer Fülle nicht nur an den eigenen Ansprüchen in Bezug auf die erwartete Zielgruppe gemessen werden, sondern auch daran, inwiefern sie zur wissenschaftlichen Arbeit in Forschung und Lehre etwas Nützliches beitragen. Für das hier zu besprechende Werk kann in dieser Hinsicht nur allerhöchstes Lob formuliert werden.

Dieser Kommentar zu den Büchern I–IV des Herodot ist eine überarbeitete, übersetzte und auf zwei Bände angelegte Fassung des neunbändigen italienischen Kommentars (Erodoto. Le storie, Mailand, Mondadori 1988–2006), jedoch ohne den griechischen Text, die Übersetzung und weitere Materialien, wie sie in der italienischen Ausgabe zu finden sind. Die Übersetzung des Kommentars ist unter der Leitung von Oswyn Murray und Alfonso Moreno durch ein zweisprachiges Team auf der Basis der Herodot-Edition von Hude (OCT) angefertigt worden, wobei die Autoren der einzelnen Bände (David Asheri, Alan Lloyd und Aldo Corcella) in allen Stadien hinzugezogen wurden.

Insbesondere Asheri hat nicht nur seine Einführung zu Buch III überarbeitet, sondern vor allem die allgemeine Einführung zu der hier vorliegenden Ausgabe und diejenige zu Buch I neugeschrieben. Die Karten und Bibliografien sind von den Herausgebern angepasst und die Übersetzung der Bisutun-Inschrift von Maria Brosius dem Buch III hinzugefügt worden. Ansonsten sind die Kommentare der Autoren unverändert und ohne Eingriffe der Herausgeber geblieben, lediglich Murray hat dem Werk eine kurze biografische Skizze Asheris vorangestellt. Das vorliegende Ergebnis ist eine vollständig neue, englische Ausgabe des Herodot-Kommentars, aktualisiert bis zum Jahr 2000, dem Tod von Asheri.

Die Qualität der neunbändigen Ausgabe ist unbestreitbar, aber diejenige dieser auf zwei Bände angelegten Ausgabe ist vielleicht durch ihre Kompaktheit noch hervorragender. Die Literaturhinweise in den Lemmata, die Kontextualisierung und die Verweise auf philologische Probleme sind gleichzeitig aktuell, knapp und dicht, so dass die Hauptaufgabe eines Kommentars – die weiterführende Arbeit am und mit dem Text zu ermöglichen – glänzend erfüllt ist. Darüber hinaus gibt die allgemeine Einführung Asheris (‚General Introduction’) eine prägnante, alle wichtigen Aspekte der Herodot-Forschung charakterisierende und doch auch persönliche Standpunkte ansprechende Darstellung, die dem ganzen Werk eine deutliche Prägung verleiht.

So beginnt er mit biografischen Nachrichten über Herodot, stellt jedoch sowohl die Authentizität des ersten Proömiums-Satzes in Frage (auf der Basis des bei Photius, Bibl. 190 zitierten Ptolemaios Hephaistion oder Chennos [1. Jahrhundert n.Ch.], der diesen Satz einem gewissen Plesirrhous zuschrieb) als auch den Aufenthalt in Thurioi (S. 4: „may well have been a learned conjecture based on the textual variants of the opening sentence“). Seine Zweifel an dem ansonsten doch weithin dominierenden unitarischen Verständnis der Werksentstehung belegt er nicht nur minutiös (vor allem S. 61ff.) anhand von Überarbeitungsspuren, Unstimmigkeiten (z.B. I 157,3 im Vergleich zu I 46,2 und 92,2 oder I 162,1 im Vergleich zu I 107–30; vgl. auch Corcella S. 570 zu Beispielen aus Buch IV), nicht eingelösten Ankündigungen und Widersprüchen (z.B. zwischen I 5–6 und 14 oder I 175 und VIII 104), sondern auch im Kontext einer umfassenden Beschreibung des intellektuellen Prozesses, den Herodot auf seinem Weg „from ethnography to history“ (S. 14) zurückgelegt hat.

Asheri vertritt die Position, dass insbesondere die ersten sechs Bücher ursprünglich unabhängige logoi – kurze Monografien – gewesen seien, die erst später nach einer Änderung in Herodots eigenen Interessen von einer Sammlung Persika zu einer Geschichte der Perserkriege umgearbeitet wurden. Diesem Wechsel entspricht auch eine Weiterentwicklung seiner Methode, die er von dem Sammeln des Wissens aus erster Hand zu einer – auf nur mündlichen Quellen basierenden – historiografischen Erkenntnis veränderte. Der starken Betonung dieser mündlichen Überlieferung in der heutigen Herodot-Forschung stellt Asheri seine differenzierte Ansicht entgegen, nach der Herodot einerseits ausgesprochen skeptisch gegenüber der akoe war, andererseits in durchaus hoher Wertschätzung schriftliche Quellen als mündliche präsentiert oder sogar vollständig fingiert hat (S. 16).

Damit schließt sich Asheri keineswegs der von Fehling so pointiert vertretenen Ansicht von der „Lügenhistorie“ an, sondern er verweist auf die hermeneutische Komplexität, die nicht erst mit Herodot begonnen hat, sondern die auch für seine Vorgänger (z.B. Hekataios) und seine Informanten zu unterstellen ist.1 Mit welcher Konsequenz diese Prämisse dann im Kommentar einfließt, zeigt sich besonders deutlich an Asheris glänzenden Erläuterungen zu der bekannten Verfassungsdebatte (III 80–82, S. 471ff.):

„In the form that has reached us it is a Greek debate on Greek ideas, composed by Herodotus, well integrated into the main narrative, and made emphatic at a time when the Greek public was interested in problems of this type. Yet a more obvious context for such a debate would be an assembly at Athens c. 511 BC, with Cleisthenes, Isagoras, and a Pisistratid as speakers on the three political regimes. [...] His [Herodotus] insistence on the debate’s historicity has a ‚methodological’ purpose of criticizing yet again false opinions of the Greeks about the barbarians; the ‚didactic’ aim of reminding his compatriots that ‚democracy’ is not a specifically Greek invention totally foreign to the world of the barbarians. In any case, he [Herodotus] implies that democracy had been proposed in Susa more than ten years before its institution in Athens, and that the Ionian cities did not receive it from Athens but from the son of one of the seven Persian conspirators.“ (S. 472f.)

Wie oben bereits beschieben, so sind die Kommentare zu den Büchern II und IV von den Autoren Lloyd und Corcella verfasst, so dass sich – zwangsläufig bei einer so grundlegend entwickelten Auffassung wie derjenigen Asheris – gewisse Differenzen ergeben. Insbesondere in der Einführung von Lloyd zu Buch II erstaunt, dass der erste Satz des Proömiums deutlich anders übersetzt wird (S. 232) als in der Einführung und im Kommentar von Asheri (S. 7, S. 72f.), wobei letztendlich jedoch die Einschätzung von Herodots Methode (historie, akoe, Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Tradition, S. 228ff.) und Leistung nicht grundlegend differiert. Ebenso wie Lloyd davon ausgeht, dass Herodot in Ägypten war und eine Menge an historisch zuverlässigem Material gesammelt hat, nimmt Corcella für Buch IV an, dass Herodot die Region um Olbia kannte (z.B. aus IV 76,6). Wie Lloyd und Asheri bewertet er die Authentizität der beschriebenen Phänomene höher, ohne jedoch die Komplexität der Überlieferungsstufen und methodischen Prämissen zu vernachlässigen. Dies führt Corcella auch dazu, eines der fast schon paradigmatisch gewordenen Konzepte – Hartogs ‚rhetoric of otherness’2 – im Hinblick auf Herodot als oft übertrieben zu kritisieren (S. 560, Anm. 33).

Insgesamt ist der hier vorliegende Kommentar-Band zu den Büchern I–IV sowohl in seiner Kompaktheit als auch in seiner Qualität ein Meilenstein der Forschung. Er öffnet einen zielgerichteten und von hoher Qualität geprägten Weg in das verzweigte Netz der Herodot-Forschung.

Anmerkungen:
1 Vgl. zu diesem Prozess, der für die Entstehung der griechischen Historiografie nach dem ‚oral turn’ nun wieder ins Blickfeld tritt: Müller, Carl Werner, Legende – Novelle – Roman. Dreizehn Kapitel zur erzählenden Prosaliteratur der Antike, Göttingen 2006.
2 Hartog, François, Le Miroir d’Hérodote, Essai sur la représentation de l’autre, Paris 1980 (= The Mirror of Herodotus, The Representation of the Other in the Writing of History, übersetzt von Janet Lloyd, Berkeley u.a. 1988).

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch